Donnerstag, 13. November 2014

Neues Deutschland 13.11.2014

Autobahn überrollt Treptower Kleingärten

Die Parzellen an der Beermannstraße müssen der Verlängerung der A 100 weichen

Bis 2021 soll die A 100 fertig sein. Die Kleingärtner bekommen die Folgen jetzt schon zu spüren: Sie müssen bis Ende November ihre Scholle räumen.  

 

von Bernd Kammer
http://www.neues-deutschland.de/artikel/952179.autobahn-ueberrollt-treptower-kleingaerten.html

Kleingärtner sind musikalisch, erst recht, wenn sie wütend sind: »Freunde von Natur in Treptow, in Neukölln und Friedrichshain«, sangen Laubenpieper aus der Kolonie Alt-Ruhleben an der Treptower Beermannstraße, die dem Bau der Autobahn A 100 weichen müssen. »Weiterbau der A 100 in die City woll'n wir nicht«, ging es zur Melodie von »Ode an die Freude« weiter.
Manche der rund 20 Kleingärtner waren den Tränen nah, als am Mittwoch Senatsvertreter und der Bahn-Landwirtschaft - ein Bahnunternehmen, dass selbst nicht benötigte Flächen verpachtet - ihre Parzellen inspizierten. Bis zum Ende des Monats müssen sie die geräumt haben. »Erst Ende September haben wir erfahren, was man uns als Entschädigung zahlen will«, sagte eine junge Frau. 800 Euro soll sie für ihre 340 Quadratmeter erhalten. »Dafür bekomme ich natürlich keinen neuen, ganz abgesehen davon, dass nirgends Parzellen frei sind.«
Die Anlage erstreckt sich hinter den ebenfalls vom Abriss bedrohten zwei Häusern Beermannstraße 22 und 20 entlang der Ringbahntrasse. Erika Gutwirt ist hier aufgewachsen. »Das waren schöne Gärten hier«, erinnert sie sich, gut gepflegt und mit netten Nahbarn. Seit 70 Jahren wohnt sie hier, 1987 bekam sie den Garten hinterm Haus. Sie hatte acht Bäume, Birne, Äpfel und tolle Knupperkirschen, »die habe ich immer verschenkt«. Dazu 340 Rosenstöcke und jedes Jahr 240 Tulpen. »Bei dir sieht es aus wie in Holland«, hätten die Leute immer gesagt. »Traurig, dass das jetzt alles vorbei sein soll. Das war unser Leben.«




Erika und Herbert Gutwirt vor ihrem verlassenen Reich

Dabei hat Erika Gutwirt gegen die Autobahn gekämpft. »Ich war bei jeder Demo.« Wenigstens hat sie vor Gericht erreicht, das zwei Häuser der Beermannstraße, darunter mit der Nummer 16 ihr Wohnhaus, zumindest vorerst nicht abgerissen werden dürfen.
»Ohne Erika wäre das hier alles noch viel schlimmer ausgegangen«, weiß Maria Zentgraf. Sie gehört zu den wenigen aus der Beermannstraße, die einen neuen Garten gefunden hat. 2500 Euro soll sie für ihren alten, 800 Quadratmeter großen Garten bekommen. Ein alter Birnenbaum, der prima trage, schlage dabei mit 70 Euro zu Buche. »Ein Witz«, findet Zentgraf. Auch die Arbeitszeit, die sie mit ihrem Mann hier rein gesteckt habe, werde überhaupt nicht berücksichtigt. »Wir ackern seit dem Frühjahr, um das Grundstück besenrein zu übergeben, wie uns aufgetragen wurde. Heute beispielsweise musste ich mir extra Urlaub nehmen. Die beteiligen sich an nichts«, ärgerte sie sich. Dabei gehe es gar nicht so sehr ums Geld, »sondern um das Wertachten unserer Arbeit«. Vom Sinn der Autobahn ist sie ohnehin nicht überzeugt: »Erst schaffen sie eine Umweltzone, und dann lenken sie die Autos hinein.«
Einige Kleingärtner konnten in den Verhandlungen mit Senat und Bahn ihre Position etwas verbessern. Trotzdem wundert sich der Abgeordnete der Grünen, Harald Moritz, über die »knausrige« Senatsverwaltung. »Da sollen hier eine Milliarde Euro verbuddelt werden, und mit den Kleingärtnern streitet man sich um 50 Euro«. Ohnehin habe er die Information, dass in diesem Bereich die Arbeiten erst 2016 beginnen. »Warum dann diese Eile mit dem Leerräumen?«

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